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DEZAS TRAUM
von Ruda Džurko
AIs ich noch klein war, habe ich einmal meines Vaters Dach angezündet. So kam es, daß mich auch Vater geringer schätzte als die anderen Brüder. Aber ich weiß das eine: Vater hatte mich schrecklich gern, am liebsten von allen.
Er teilte mir das mit, als er schon tot war. Im Traum: Etwa vier Wochen nach Vaters Tod habe ich furchtbar geweint. Ich konnte in meinem Bett nicht einschlafen, und dann träumte mir, dass ich mit meinen Brüdern, mit Sana, mit Ruda und mit Kirka, von irgendwoher zurückkam und sagte: "Brüder, was ist das? Seht ihr die Wolke?" Aber die Brüder sahen nichts. Auf einmal donnerte es mich aus der Wolke an: "Du gehst mit mir!" Die Brüder hörten diese Stimme nicht, nur ich hörte sie.
Ich fragte: "Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Ich sehe dich nicht!" "Ich bin dein Vater! Erkennst du mich nicht?"
Jetzt erkannte ich erst, daß diese Wolke mein Vater war. "Komm, ich nehme dich mit hinauf, das wird schön für dich sein!" Die Wolke umarmte mich, und ich erhob mich, die Erde unter mir wurde kleiner und kleiner, meine Brüder da unten waren winzig klein wie Käfer. Aber es waren vier! Wieso? Der vierte - das war ich. Mein Körper ging mit ihnen - nur mein Geist war mit Vater oben. Ich sage: "Vater, laß mich wieder auf die Erde, ich habe dort Frau und Kinder."
Vater sagt: Wie du willst, ich lasse dich auf die Erde zurück, aber merk dir eins: Wenn Qual oder Pein über dich kommen, wenn du dich in Not befindest, dann denk daran, wie hoch oben du gewesen bist und wie aus der Höhe alles klein und unbedeutend aussieht. Jede Qual, die dir auf der Erde wie ein riesiger Sumpf vorkommt, ist nur eine winzige Pfütze, wenn du sie aus der Höhe siehst. Wenn es dir schlecht ergeht, dann erinnere dich daran, wie du mit mir in die Höhe geflogen bist, und alles, was dich an die Erde bindet, auch dein schwarzer Körper und dein langsamer Verstand, das alles wird kleiner und kleiner - so klein, dass es keine Kraft mehr hat, dir Leid zu bereiten".
Dann ließ mich Vater los, und ich landete auf der Erde. Und wo? Auf einem Rom-Fest! Dort war eine Menge Roma, sie tranken, spielten und vergnügten sich. Sie fragten mich: "Wo bist du her? Wessen Sohn bist du?"
"Ich bin aus Sklalice und bin der Sohn von Belacek, der vor vier Wochen gestorben ist und sich in eine Wolke verwandelt hat." "Also du bist der Sohn dieses berühmten Musikanten? Da wirst du uns doch etwas spielen!" Und sie drückten mir Geige und Bogen in die Hand! "Entschuldigt, Leute, ich kann nicht spielen, ich bin Linkshänder!"
"Dann schlagen wir dich tot", sagten die Roma.
Ich denke an meinen Vater, will mich erheben, um aus der Höhe zusehen, wie sie mich töten werden. Aber Vater donnert aus der Wolke: "Mach keinen Unsinn, nimm die Geige in die Hand!"
Ich nahm die Geige und begann zu spielen. Ich habe so herrlich gespielt, dass alle Roma zu weinen begannen. Es war eine Gottesfügung, wie sie weinten! Nach kurzer Zeit standen sie bis zu den Knöcheln in ihren eigenen Tränen...
Und auf einmal sehe ich, wie die Gadsche meine Frau und meine Kinder anzünden. Sie haben sie mit Benzin übergossen und ein Streichholz angezündet. Meine ganze Familie brennt, auch die kleine zweijährige Helenka! Ich will mich in die Lüfte erheben,um das nicht sehen zu müssen, aber Vater donnert aus der Wolke: "Hast du den Verstand verloren? Du willst fliehen? Treib Alena und die Kinder ins Wasser!"
Ich trieb Alena und die Kinder in die Tränen, die die Roma ausgeweint hatten als ich so schön gespielt hatte. Sie löschten das Feuer. Dann gingen wir alle nach Hause, und aus der Wolke donnerte es: "Leb wohl, mein Sohn!"
Mein Vater hat wahrscheinlich früher gedacht, dass ich nicht sein Sohn sei, weil ich so schwarz bin. Aber schauen Sie sich sein Photo und mich an! Ein Gesicht und eine Gestalt! Das Schwarze habe ich von der Mutter. Der Vater hatte schon erfasst, dass ich sein Sohn bin, und nach seinem Tode kam er zu mir, um es mir zu sagen.
Ruda Džurko wurde als fünftes Kind in einer Lehmhütte in der Ostslowakei ge boren. 1945 übersiedelte die Familie mit vielen anderen nach Tschechien. Ruda klebt heute aus farbigem Bruch von Glasfabriken Szenen aus dem Leben der Roma und weiß viele alte Märchen und Gedichte zu zu erzählen.
(Aus dem Buch "Ich bin wieder Mensch geworden. Bilder und Geschichten eines Rom- Künstlers" von Ruda Džurko, nach Tonbandaufnahmen von Milena Hübschmannova.
Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH, Leipzig und Weimar. Übersetzt von Fatma Heinschink)
Glasbild von Ruda Džurko
ROMANO CENTRO Nr. 02, 06/1993
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